Gemeinde Nordkirchen

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Rede Volkstrauertag

Anlässlich des Volkstrauertages haben die Gemeinde, die örtlichen Kirchen und die Schützenvereine als ein gemeinsames Zeichen gegen Krieg, Gewalt, Terror und Vergessen an den Ehrenmalen Kränze niedergelegt. Aufgrund der aktuellen Corona-Lage haben in der Gemeinde Nordkirchen keine öffentlichen Gedenkfeiern stattgefunden.

Hier können Sie die Gedanken von Bürgermeister Dietmar Bergmann beim Kranzniederlegen am Ehrenmal in Südkirchen nachlesen:

"Sehr geehrte Damen und Herren,

das Ende des Zweiten Weltkriegs ist 75 Jahre her. Für uns, die wir heute leben - hat der Krieg einen festen Rahmen aus Jahreszahlen, er dauerte von 1939 bis 1945. Aus dem Rückblick ergibt das die beruhigende Gewissheit: Zwischen diesen beiden Daten, in diesem zeithistorischen Kasten steckt der Krieg. Danach kam der Frieden, in dem wir, zumal in den westlichen Demokratien, relativ gut leben.

Doch damals, im Inneren des Kastens, kannte niemand dessen Dimension. Es war eine Art Black Box. Hunderttausende Emigranten, Verfolgte und Inhaftierte spekulierten: Geht es noch ein Jahr? Oder viel länger? Vielleicht ist es im Winter vorbei? Millionen Menschen auf der Welt hofften auf ein Kriegsende.

Und die Erlösung kam. Es war wie das Aufwachen aus einem Alptraum. Jahrelang hatten Alarmsirenen und Luftschutzkeller zum Alltag gehört, Panik und Todesängste. Das vor vorüber.

Doch ganz Deutschland lag in Trümmern. Alliierte Soldaten bargen jüdische Überlebende aus den Lagern. Millionen deutscher Familien wussten nicht, ob ihre Väter, Söhne und Brüder zurückkehren würden. Bretterzäune hingen voll mit Suchmeldungen des Roten Kreuzes. In den Straßen sah man Kriegsversehrte und Flüchtlinge, Kinder hatten Unterricht in Behelfsbaracken.

Aber die Bomber dröhnten nicht mehr durch die Nacht, und in Europa endete die Menschenjagd der Nationalsozialisten, endete ihre gezielte Sabotage jeglicher Menschlichkeit.

„Kriegsende“ - ein tröstliches Wort. Der Krieg ist also an sein Ende gekommen, fast als sei er eine Art Jahreszeit gewesen. Wie ein Naturereignis beschreibt unsere Sprache ja auch seinen Anfang: „Der Krieg bricht aus“, heißt es. So verkleidet Sprache, was alle besser wissen: Kein Krieg bricht aus wie ein Vulkan oder ein Fieber. Menschen hatten den Krieg verantwortet, und die Kapitulation des „Dritten Reiches“ war Voraussetzung für den Aufbruch in eine Neuordnung unter den Leitsternen Demokratie und Menschenrecht.

Mit der sogenannten „Stunde Null“ begann das Forträumen des Schutts. Städte erstanden auf, während alliierte Finanzhilfe und Aufbaueifer die Bundesrepublik aus den Ruinenfeldern ins Wirtschaftswunder bugsierten.

Der Kasten, in dem der Krieg gesteckt hatte, bekam mit dem Mai 1945 seinen Datumsdeckel, und viele Deutsche hätten diesen Kasten gern zugenagelt, um den moralischen Bankrott der Gesellschaft darin zu begraben, so wie man die Toten begraben hatte.

Aber authentischer Frieden verlangt nach Wahrheit, denn menschliche Seelen kennen keine Stunde Null. Nein: Die Seele muss ihr Handeln und Erleben erkennen und verarbeiten. Deshalb wurde der sprichwörtliche zeithistorische Kasten nicht zugeschlagen, sondern angehoben. Und je mehr Licht – beginnend mit den Nürnberger Prozessen - in den Kasten fiel, desto größeres Grauen kam zum Vorschein.

Doch der Weg zum Abschied war weit. Erschütterung durch Schuld und Traumata lässt sich nicht fortschaffen wie Trümmer aus Stein. Die Psyche braucht Zeit, sich ihren Weg durch Widerstände zu bahnen, und in den meisten deutschen Familien schwelten Scham, Angst und Verdrängung.

Nach und nach erfuhren Kinder und Jugendliche, oft nur durch aufgeschnappte Worte, was Erwachsene angerichtet hatten, sogar die Eltern, denen man vertraute. Wo sollte die Jugend Vorbilder finden, wie sie dringend gebraucht wurden? Allenfalls bei fernen Helden wie dem Tropenarzt Albert Schweitzer, der in Zentralafrika sein Hospital von Lambarene führte, das Schwarze ebenso aufnahm wie verwaiste Tiere. Lambarene wurde zum fiktiven Kurort für die Seele von Millionen deutscher Kinder im Dschungel der Nachkriegszeit.

Die Älteren zu konfrontieren, blieb lange ein Tabu. „Wie konnte das geschehen“ „Warum habt ihr das zugelassen“. Zu solchen Fragen besaßen erst die kommenden Generationen den Mut.

„Wie konnte das geschehen“ „Warum habt ihr das zugelassen“. So werden unsere Kinder später vielleicht auch wieder fragen. Denn vor und nach dem Falls des Eisernen Vorhangs haben weitere Kriege stattgefunden, in Korea, Algerien, Vietnam und Kambodscha, in Jugoslawien – und heute in Syrien, in der Ukraine, in Libyen, im Yemen.

Doch die Weltgemeinschaft lernt, und es wird wahrscheinlich mehr und schneller Antworten geben als zuvor in der Geschichte. Internationales Strafrecht hat seit den Nürnberger Prozessen enorme Fortschritte gemacht. Allem Populismus zum Trotz existieren mehr Demokratien als je zuvor, und auf die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen berufen sich Milliarden Menschen.

Wie stark weltweite Anstrengung für menschliche Zwecke wirken kann, das bewiesen uns in diesem Jahr die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Corona-Krise.

Das Virus ist kein Feind. Es ist nichts als ein genetischen Programmpartikel, das sich vermehrt. Ganz gleich, was egoistische Regierungen und Konzerne treiben: Auf allen Kontinenten werden Erkenntnisse ausgetauscht, freut man sich an Fortschritten und sucht nach Impfung und Heilung, unterstützt von Leuten, die für das Allgemeinwohl leben.

Die Menschheit kann sich selbst der ärgste Fein sein, wie in der von Deutschland initiierten Barbarei zwischen 1933 und 1945. Die Menschheit kann aber auch zur Freundschaft mit sich selber finden, sich mit sich selber anfreunden. Vielleicht gibt auch und gerade die Corona-Pandemie uns dazu jetzt eine Riesenchance.

Vielen Dank. Bleiben Sie gesund."

Ehrenmal in Südkirchen
Ehrenmal in Südkirchen

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Pressearbeit

Anne Büscher
Bohlenstraße 2
59394 Nordkirchen
Tel.: 02596 917-154
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